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27.12.1944

Ab dem 27.12.1944 bis Ende Januar 1945 war für uns Buben eine sehr erlebnisreiche Zeit. Die Amerikaner gaben das Dorf nicht mehr aus der Hand. Die Artillerie, die vor Tagen noch auf uns schoss, war nun von Bilsdorf respektiv Bondorf bis nach Bauschleiden vorgerückt und ging unweit von unseren Häuser in Stellung.

Gegenüber unserem Hause stand die Feldküche. Wir Buben aßen, schliefen und lebten praktisch mit den Soldaten. 3/4 unseres Hauses war von Soldaten belegt. Tonnenweise Munition und Benzin lagen überall. Kleider, Schuhe, Zigaretten gab es in Unmengen.

Nach wenigen Tagen schon beherrschten wir das Laden und Abschießen der mittelschweren Kanonen, Richtung Harlingen oder Boewingen. Mit von der "Partie" war oft auch Bertemes Jeng (Bertemes Alphonse, 3 rue de l'Etang). Auch zeigten die Amerikaner uns das Umgehen mit Feuerwaffen respektiv Handgranaten, was uns wahrscheinlich später als wir "selbstständig" (uns selbst überlassen) waren das Leben rettete.

Trotzdem geschah meinem Vetter und mir ein Ungeschick. Im Strohschober neben unserem Haus hatten wir - mein Vetter Gremling Jos, Lambinet Ed. (unser Nachbarsjunge, 79 rue d'Echternach L-6550 Berdorf) und ich - unser "Dépôt". Eine Höhle von etwa 3 Kubikmeter diente uns als Unterkunft. Deutsche und amerikanische Waffen, Munition, Nahrung jeder Art und vieles andere hatten wir uns dort angesammelt. Eines Abends, so um den 10. Januar, waren Jos und ich auf "Organisatiounstour". Er hatte in Wagner Huberts (Schwiegervater von Diedrich Pier, 16 rue Romaine) Garten einen noch prall gefüllten Marinesack, der halb aus dem Schnee ragte, entdeckt.

Einige Meter davor fanden wir jedoch einen fast leeren, amerikanischen 20 Liter Benzinkanister.

"Den zünden wir noch an!" meinte Jos und alle Warnungen zuwider, war er nicht davon abzubringen. Er öffnete den Verschluss, griff nach den Zündhölzer in seiner Tasche, eine kurze Handbewegung und schon hatte er sich in eine meterhohe brennende Fakel verwandelt. Ich lief auf ihn zu, warf ihn in den tiefen Schnee der am Strassenrand lag, wälzte ihn nach allen Seiten und schlug mit bloßen Händen auf die Flammen ein, doch gegen den hochexplosiven "Sprit" hatten wir keinen Erfolg.

Ich weiß nicht wie es uns geschah, plötzlich hielt vor uns ein amerikanischer "Jeep". Zwei Soldaten sprangen heraus, einer zielte mit einer länglichen Flasche auf uns, ein kleines Zischen und schon waren wir beide in einer dichten "Nebelwolke" gehüllt. In Sekundenschnelle war das Feuer gelöscht. Ohne ein Wort zu verlieren, luden sie uns auf die Hinterbank ihres Jeeps, machten kehrt und mit hoher Geschwindigkeit ging es zurück ins Dorf, Richtung Lann (op der Lann, Flurname, heute rue du Lac). Unsere Hände fingen nun an zu schmerzen und das Gesicht meines Vetters veränderte sich von Minute zu Minute.
Etwa 50m oberhalb der Schreinerei Melchior (Molitor Lucien, secrétaire communal, rue du Lac) bog der Wagen links in die Pferche Gaspar Jos (Gaspar-Perdang Jos, 6 rue du Lac) ein. Dort stand ein grünes Zelt von etwa 20 m Länge und 10 m Breite.

Unsere beiden Retter hoben uns aus dem Wagen und führten uns in Richtung Zelt. Wir beide hatten keine Ahnung, was sich darin verbarg.

Da die Frontlinie sich während Wochennur in 3-4 km Entfernung von Bauschleiden abspielte, hatten die Amerikaner hier ein Notlazarett, auch "Verbandsplatz" genannt, errichtet. Als Eingangstür dienten zwei überlappte Zeltplanen. Plötzlich standen wir Buben unter Schwerverwundeten, die in dicht nebeneinander liegenden Reihen, knapp 10 cm über der bloßen, grünen Wiese auf primitiven Feldbetten lagen. Ein starker Geruch von Chloroform, Äther, Medikamenten, geronnenem Blut und vielem mehr schlug uns entgegen.

Ein schwerer Ofen in der Mitte des Zeltes erzeugte eine fast tropische Atmosphäre im Lazarettszelt. Die übermäßige, schwüle Hitze wurde aber wahrscheinlich von dem am Boden liegenden, röchelnden, wimmernden fast halbtoten jungen Soldaten als wohltuend empfunden.

Eine zweite "sogenannte Tür", die meist halboffen stand, befand sich im hinteren Teil des Notlagers, wo auch wir hindurchgeführt wurden. Hier befand sich der "OperationssaaI". Eine erhöhte Tragbahre diente als Operationstisch und eine große Küchenlampe erzeugte das nötigste Licht.

Zwei Ärzte waren mit einer Bauchverletzung beschäftigt, als der Jeepfahrer sich ihnen näherte und die Lage erklärte. Ein kurzer Blick, ein
Kopfwinken und schon waren wir beide in die Kategorie "leicht verletzt" eingestuft worden, was soviel hieß wie warten. Wir hockten uns in die Ecke des "O.P."-Raumes und wagten uns kaum zu rühren. Nach etwa einer halben Stunde, die uns wie eine Ewigkeit vorkam, wurden wir von einem Sanitäter sorgfältig gepflegt. Mir wurden beide Hände verbunden und Jos zusätzlich der ganze Kopf. Kleine Öffnungen für Augen, Nase und Mund waren noch zu erkennen. So wurden wir von den Soldaten nach Hause gefahren.

Der Schreck der unseren Eltern im Gesicht stand als wir in diesem Zustand zuhause abgeliefert wurden, braucht wohl keiner Erklärung. "Bis morgen" gaben uns die "G.I.'s" zu verstehen und verschwanden. Während 3-4 Tagen kamen immer wieder die gleichen Soldaten uns abholen. Die Verletzungen meines Vetters verlangten noch 4 Tage zusätzliche Behandlung.

Im Zelt lagen fast täglich neue Verwundete. Jene die überlebten, wurden im Rotkreuzwagen in Richtung Süden, ich vermute nach Ettelbrück, gefahren. Doch für viele Leidensgenossen war Bauschleiden, nur ein kleiner Punkt auf der Landkarte, leider die letzte Fahrt.

Unsere Wunden verheilten zusehends und keine Narben blieben "sichtbar". Nur da unsere Verletzungen immer kleiner wurden, wurden unsere Wartezeiten im Lazarett immer länger.

Wie viele Verletzungen und Amputationen ich in diesen Tagen miterlebte, kann ich nicht mehr sagen. Doch von sämtlichen Operationen sind mir die schweren Gesichtsverletzungen am grausamsten in Erinnerung. Bis zu dieser Zeit hatte ich, ein knapp achtjähriger Junge, das Wort "Krieg" mit einer Art "Spiel" gleichgestellt. Doch ab diesen Besuchen im Notlazarett Januar 1945 nicht mehr. Auch das Wort "Kind" passte nicht mehr zu mir.

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Januar 1945

Ende Januar 1945 verließen uns die Amerikaner. Als Sieger der Rundstedt-Offensive gingen sie in die Geschichte ein. So mancher Veteran kehrte nach Jahren als Tourist nach Luxemburg zurück. Die Gemeinde Bauschleiden bot ihnen stets einen herzlichen Empfang. Auch Briefwechsel bestanden noch jahrzehntelang, wie zum Beispiel mit "meinem Amerikaner" :

Bus Gimblet
North Little Rock
Arkansas, 72115

Zolver, Februar 2001

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